Warum haben heute viele Kirchen keine Apostel?

„Die Kriterien für die zwölf Apostel können auf keinen später lebenden Menschen zutreffen.“

Das griechische Wort apostolos bedeutet „Gesandter, jemand der geschickt und beauftragt wurde". Das eingedeutschte lateinische Wort dafür lautet „Missionar". Die Apostel waren also Missionare, die ihre Hauptaufgabe in der Verkündigung der Erlösung durch Jesus Christus sahen, in der Neugründung von Gemeinden und ihrer Organisation. Die Verwaltung und geistliche Weiterführung dieser neu gegründeten Gemeinden übernahmen dann die Ältesten. Obwohl Paulus nicht den Begriff „Apostel" benutzt, beschreibt er doch die Aufgabe der Apostel in 2. Korinther 5,18-20: Sie sind Botschafter Christi und sollen von der Versöhnung des Menschen durch Jesus predigen.

Es ist nun egal, ob wir den griechischen, den lateinischen oder einen deutschen Begriff für Menschen nehmen, die diese Aufgabe der Verkündigung des Evangeliums in der Gemeinde hauptberuflich wahrnehmen. Wichtig ist, dass es sie gibt und nicht nur geistliche „Verwaltungsbeamte". Wenn die Gemeinde Jesu das Evangelium in der ganzen Welt verkündigen soll, ehe das Ende kommt (Matthäus 24,14), dann ist dies einer der wichtigsten Dienste der Gemeinde.

Auch heute bezeichnen manche Christen ihre Leiter als „Apostel". Weil sie vorgeben, das Sprachrohr Gottes zu sein, fordern sie den Gehorsam der Gläubigen. Einige betrachten sogar das geschriebene Wort Gottes, die Bibel, als „totes Kochbuch", das „nicht satt machen kann", während die Worte der Apostel für sie „Geist und Leben" sind.

Jesus und die Apostel dagegen betrachteten die Schriften des Alten Testamentes nicht als Sammlung toter Buchstaben, sondern als die Wahrheit (Johannes 17,17; 2. Petrus 1,20.21). Deshalb muss auch an der Schrift die Verkündigung jedes Geistlichen gemessen werden.

Natürlich hatte der Begriff „Apostel" auch eine besondere Bedeutung in der urchristlichen Gemeinde. Apostel konnte damals werden, wer die ganze Zeit mit Jesus gewesen war – von der Zeit Johannes des Täufers bis zur Auferstehung und Himmelfahrt Jesu. Er musste also dreieinhalb Jahre von Jesus persönlich unterricht worden sein, den Missionsauftrag empfangen haben, Zeuge seiner Auferstehung sein und von ihm berufen worden sein (Apostelgeschichte 1,21.22). Diese Kriterien eines Apostels können natürlich auf keinen später lebenden Menschen zutreffen. Deswegen starb das „enger" definierte Apostolat mit den Aposteln aus (vgl. auch Offenbarung 21,14).

Wahrscheinlich wollte man anfangs aus diesen Gründen den Anspruch des Paulus nicht anerkennen, ein Apostel Jesu zu sein. Deshalb wies Paulus daraufhin, dass Jesus auch ihn persönlich berufen und ausgesandt habe (er ist also Zeuge seiner Auferstehung, vgl. 1. Korinther 15,3-8), und er deutet auch an, dass Jesus ihn drei Jahre lang in der Wüste von Arabien unterrichtet hatte (Galater 1,1.11.12.15-18).

Wenn wir also nach der strengen urchristlichen Definition eines Apostels gehen, dann gibt es seit dem Tod des Johannes keinen Apostel mehr und wird es auch nicht mehr geben. Nehmen wir aber die eigentliche Bedeutung des Wortes, dann ist jeder, den Gott beruft, sein Botschafter zu sein, ein Apostel oder Evangelist, weil er Menschen zu Gott zurückführt und die Gemeinde Jesu aufbaut.